Eindrücke von der Reise nach Auschwitz im Februar 2017

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckenste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“ - Hannah Arendt, Nach Auschwitz. Essays und Kommentare, 1989

Das Zitat von Hannah Arendt macht deutlich, in welchem Kontext die diesjährige Fahrt nach Auschwitz stattgefunden hat. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern der Welt ist zu beobachten, dass die politische Ausrichtung eines Landes immer wieder in das Belieben von Machthabenden und eines Zeitgeistes gestellt ist, der nicht selten Ausgrenzung, Abschottung und Stabilisierung der selbst gesetzten Werte in den Mittelpunkt rückt.  60 Schülerinnen und Schüler des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums sind in der ersten Februar-Woche nach Auschwitz gereist sind, um sich der deutschen Vergangenheit zu stellen und über notwendige Konsequenzen für die Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft nachzudenken und ins Gespräch zu kommen. Schnell stellten sie Parallelen her zur gegenwärtigen politischen Lage. Sie verglichen die Mittel der Propaganda zur Zeit des Nationalsozialismus mit politischen Mitteln der Gegenwart. Warum sich an die Gräuel der Vergangenheit erinnern in einer Zeit, die selbst genug Beispiele für die Verletzung von Menschenrechten bereit hält? Dass Auschwitz nicht noch einmal sei! Diese Forderung von Theodor W. Adorno machten viele der Schülerinnen und Schüler sich zu eigen. Sie verstehen es als ihre Verantwortung, sich für eine Welt einzusetzen, in der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung nicht sein dürfen, damit das Recht aller Menschen auf Würde gewahrt wird. Ermöglicht wurde die Fahrt durch die großzügige Unterstützung aus Fördermitteln, die das Unternehmerehepaar Bethe aus Bergisch-Gladbach im Fonds der Stifung „Erinnern ermöglichen“ bereitgestellt hat.

Nach der Ankunft in Polen besuchten die Schülerinnen und Schüler als erstes die Stadt Oswiecim. An deren Stadtrand wurde einst eine alte Kaserne zum Konzentrationslager Auschwitz umfunktioniert und erweitert. Im Zuge des Ausbaus wurden zahlreiche Nebenlager errichtet, von denen Birkenau das bekannteste ist.
Oswiecim war vor dem Krieg eine Stadt, in der wirtschaftlicher Aufschwung zum Wohlstand der Bevölkerung geführt hat. Bereits vier Tage nach dem Überfall der Nazis auf Polen am 1.9.1938 wurde Oswiem erobert und schnell zum wichtigen Stützpunkt, da die Verkehrlage und die geographische Lage in der Mitte Europas diese Stadt zum idealen Standpunkt für die Durchsetzung nationalsozialistischer Ideen werden ließ. Heute sieht man nichts mehr von den gutbürgerlichen, herrschaftlichen Häusern der jüdischen Bevölkerung jener goldenen Zeit. Von der großen Synagoge steht kein Stein mehr. Lediglich ein paar sakrale Fundstücke, die nach dem Krieg am Standort der alten Synagoge gefunden wurden, erinnern heute noch an die große, gut in das Stadtleben integrierte jüdische Gemeinde. Nur eine kleine Synagoge hat den Krieg überstanden, weil sie während des Krieges als Munitionslager genutzt wurde. In ihr ist heute das Museum für jüdisches Leben und Kultur untergebracht.

Am zweiten Tag stand der Besuch im Stammlager auf dem Programm. „Der Blick erfasst eine Straße, mehrere Gebäude und Bäume, eine Grasfläche. Mehrere Bänke am Rande der Grasfläche. Es sie gar nicht schlimm aus hier.“ So beschreibt eine Schülerin ihre ersten Eindrücke beim Betreten des Stammlager. Sie schreibt: „ Als erstes sah man den Stacheldraht, meterlang, doppelt eingezäuntes Gelände mit Wachtürmen herum. Schnee bedeckte die Landschaft und hätte man nicht gewusst, was in diesem Lager geschehen ist; wäre der doppelte Zaun, der eine Todeszone einschließt, nicht gewesen… Es hätte eine Jugendherberge sein können.” Wie soll man sich vorstellen, was an diesem Ort geschehen ist? Im Gespräch mit dem Zeitzeugen Karol Tendera aus Krakau am kommenden Tag wird das Unvorstellbare in Worte gefasst, werden die Erinnerungen an die Zeit lebendig, als aus der ehemaligen Kaserne eine Lager wurde. Auch wir, die wir nicht dabei waren, bekommen eine Ahnung von dem unvorstellbaren Leid, das Menschen dort erlitten haben. Karol Tendera, der heute 95 Jahre alt ist, erzählt aus seinem Leben, erzählt von der Zeit im Lager, von Hunger, Krankheit und drohendem Tod. Er erzählt von Menschen, die ihn entgegen aller Unmenschlichkeit im Lager am Leben gehalten haben, er erzählt von seiner Sehnsucht nach Leben und seiner Hoffnung auf Freiheit in einer Zeit, in der er zugleich immer wieder sterben wollte, um dem Grauen zu entkommen. Er erzählt auch, wie es ihm gelingen konnte, Auschwitz zu überleben. Das Lager konnte er verlassen, doch die Erinnerungen hat er mit sich genommen. Bis ins Hohe Alter ist es für ihn wichtig, von dem zu erzählen, was in Auschwitz passiert ist – damit die Wahrheit nicht in Vergessenheit gerät.

“Das Schild „Arbeit macht frei“ über dem Eingangstor zum Stammlager Auschwitz, das man so oft in groß, bedrohlich und schwarz-weiß auf Fotos gesehen hatte, wirkte klein und banal. Doch der Zynismus in diesem Satz, der wie ein Schlag ins Gesicht gewirkt haben muss, war bedrückend, wenn man sich der vielen Menschen bewusst ist, die nie durch dieses Tor die Freiheit erlangten,” schreibt eine Schülerin von ihren Eindrücken.  “In den renovierten Baracken sind die Ausstellungen, die die Jugendverfolgung und -vernichtung in einzelnen Ländern thematisieren. Jedes Land war anders gestaltet. Die Niederlande waren vergleichsweise hell, jedoch nicht weniger erschreckend. Am Ende erwartete einen eine rund 15 Meter lange, graue Wand. Es dauerte, bis man begriff, dass man kleingedruckte Namen von ermordeten Menschen vor sich sah. In Belgien guckten einen große traurige Augen an, die in überdimensionaler Größe an die Wand gemalt wurden. Der Weg der dunklen Ausstellung von Ungarn führte einen durch einen Zugwaggon, mit denen die Menschen deportiert wurden. Die Geräusche des Stahlbodens erinnerten an eine Tür, die hinter einem ins Schloss fällt und das Schicksal besiegelt. Die Schatten an den Wänden in Frankreich machten nur wieder einmal deutlich, wie viele Menschen umgekommen sind, und dass dieses Lager einer Stadt der Toten gleicht.“
Am Ende der Reise boten eineinhalb Tage in Krakau die Möglichkeit wieder in unsere Realität zurückzukehren. Zwar begegneten wir auch hier im Museum in der ehemaligen Schindler-Fabrik den Schrecken nationalsozialistischer Herrschaft im heutigen Polen. Doch lernten wir hier auch eine Universitätsstadt kennen, die junge Menschen lebendig und kritisch auf das Leben in der Gegenwart und in der Zukunft vorbereitet. Nach unserem gemeinsamen Abendessen in einem koscheren Restaurant im jüdischen Viertel von Krakau machten wir uns wieder auf den Heimweg - angefüllt mit Eindrücken und Gedanken.

Was nehmen wir mit von dieser Reise?

Sicherlich die Bilder von einem Ort, der von Schnee bedeckt im Sonnenlicht funkelnd beinahe Ruhe und Frieden ausstrahlt - wenn da nicht diese Unruhe in etlichen von uns wäre, dieses Unwohlsein an diesem Ort, der für so viele Menschen zum Friedhof geworden ist. Keiner von uns ist verantwortlich für das, was hier passiert ist. Doch eine Schülerin fasst in Worte, was viele von uns auch mitnehmen: „Wir als Generation sind dafür verantwortlich, dass die Opfer in Erinnerung bleiben und der Holocaust nie vergessen wird.“ Und ein Schüler fügt hinzu: „Es liegt doch an uns, ob Toleranz und Vielfalt tatsächlich zum Prinzip des Zusammenlebens von Menschen werden kann oder ob es eine schöne Idee bleibt, deren Unerreichbarkeit uns immer wieder vor Augen gestellt wird.